Sempf
Senf ist total unterschätzt. Dabei ist er ein treuer Begleiter des Homo Culinaris in allen erdenklichen Küchenfragen und eine emotionale Stütze in der postmodernen Welt. Wer bei Senf nur Phantasien von Bockwürstchen, Grillabenden und maximal vielleicht einer Frikadelle bekommt, hat noch nie in unseren Küchenschrank geschaut.
Dort warten Bataillone von Senfgläsern auf ihre Bestimmung: Normaler Senf, süßer Senf, Kräutersenf, Pfeffersenf, Dijon-Senf, Cassis-Senf, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Ich werde nervös, wenn wir nicht genug Senf vorrätig haben. Und Senf beruhigt. Er ist wunderbar bodenständig, zu Senf gehören rustikales Brot auf einem schlichten Brett, tönerne Töpfchen und Holzlöffel, Wochenmärkte und altes Handwerk. Senf verbindet uns mit Wohnküchen in Bauernhöfen, zu Senf gehört jemand, der ein Kopftuch trägt und einen Dialekt spricht und Dinge weiß, von denen der gemeine Städter nur träumen kann. So wie Birgit.
Neulich waren wir in der Eifel und haben dort die Senfmühle in Birgel besucht. Seit „öölf Jahren“, erzählte uns die Birgit, machen sie da Senf, und das geht denkbar einfach: Senfkörner mahlen, einen Teil schroten, mit Wasser, Zucker und Essig vermischen, ein paar Stunden rühren, fertig. Eine ganz simple Angelegenheit also, und für ein bisschen Etepetete kann man hinterher Johannisbeeren (Verzeihung, Cassis!) reinkippen oder Honig oder verrückte Früchte. Im Grunde bleibt er aber immer, was er ist. Allein schon das Wort: Kein Mensch kann „Senf“ ordentlich aussprechen, dieses n-f fühlt sich irgendwie unnatürlich im Mund an, mehr oder weniger wird immer „Sempf“ daraus, das ist nichts Feines.
Senf macht also jeden Spökes mit und bringt uns dabei immer wieder auf den Teppich. Meine Mutter isst Senf übrigens am liebsten pur auf Brot. Oder auf einem dicken Stück Fleischwurst auf die Hand. Wenn sie will, spricht sie auch einen Dialekt. Ich denke, das reicht als Beweisführung.
Kommentare
2 Kommentar
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26. September 2010
Däii Modda esst onnerm Sempf noch dick Bodder ooffem Brood, oonn daat Brood muss froesch seenn
26. September 2010
Eine andere, oft gehörte Aussprache ist ” S e n f t t”.Da lob ich mir doch die Preussen
mit ihrem “Mostrich” und denke immer noch schmunzelnd daran zurück als ein kleiner Kerl des genannten Stammes im Badischen in einen Laden kam und fragte:
Ham’ Se losen Mostrich? * Geschehen ca.1950
Dergleichen war damals , wie Gewürzgurken, Oel oder auch Essig offen im Verkauf
erhältlich. Man brachte von daheim einfach ein entsprechendes Gefäß mit.